Sophie Kinsella: Frag nicht nach Sonnenschein

„Frag nicht nach Sonnenschein“ von Sophie Kinsella fängt an wie ein typischer ChickLit-Roman, entwickelt sich aber über Klischees hinaus: Anstatt unterschiedliche Frauen gegeneinander auszuspielen, arbeiten sie hier zusammen.

Cover Sophie Kinsella - Frag nicht nach Sonnenschein

Titel: Frag nicht nach Sonnenschein

Autorin: Sophie Kinsella

Genre: Liebesroman/Chicklit

Verlag: Goldmann

Seiten: 544

Erscheinungsjahr: 2017

Katie tut alles, um ihren Traum vom perfekten Leben wahr werden zu lassen: Sie ist von der Farm ihres Vaters in Somerset nach London gezogen und arbeitet in einer angesagten Marketing-Agentur. Leider ist das meiste wie ihr Instagram-Account: Mehr Schein als Sein. Sie hat ein kleines WG-Zimmer mit schrägen Mitbewohnern, viel zu wenig Geld und zu allem Überfluss auch noch eine Chefin, die planlos und tyrannisch zu gleich ist. Dabei hat sie so viel getan, um sich dem Großstadt-Leben anzupassen. Von einer neuen Frisur bis zum abtrainierten Akzent. Reicht all das einfach nicht aus, um in London glücklich zu werden?

So weit, so typisch

Die Inhaltsangabe klingt erstmal nach einem ganz normalen ChickLit-Roman, die ich früher absolut geliebt habe. Sophie Kinsella zählte dabei direkt nach Paige Toon zu meinen Lieblingsautorinnen. Ich habe sie sogar 2018 auf der LitLove in München persönlich getroffen und durfte ihr in einer kleinen Gesprächsrunde Fragen stellen. Bei dieser Gelegenheit hat sie mir auch „Frag nicht nach Sonnenschein“ signiert. Trotzdem lag das Buch lange ungelesen bei mir im Schrank. Ich fühlte mich irgendwie, als wäre ich dem Genre „entwachsen“, das mich viele Jahre so begeistert hat. Seit ich mich mehr mit feministischen Themen beschäftigt habe, habe ich die Handlung der ChickLit-Romane immer mehr hinterfragt.

Die Protagonistinnen werden oft erst als „vollständig“ gesehen, wenn sie einen Mann an ihrer Seite haben. Stereotype finden sich an jeder Ecke und Themen wie Homosexualität, Diversität oder auch beispielsweise Abtreibung kann man lange suchen. Und nicht zuletzt ist die Bezeichnung „ChickLit“, die Frauen wortwörtlich mit Küken vergleicht, ziemlich daneben. Ich verwende sie hier, damit Ihr wisst, was ich meine, aber eigentlich will ich damit aufhören. All das wusste ich und habe „Frag nicht nach Sonnenschein“ trotzdem gelesen. Ohne große Erwartungen, aber weil ich hoffte, dass es mir Spaß macht und ich mich beim Lesen gut fühle. Sicher für die meisten Leserinnen der Hauptgrund, zu einem Buch wie diesem zu greifen. Aber dann wurde ich, zumindest in Teilen, überrascht.

Überraschend kooperativ

Mein Highlight es Buches war definitiv das Verhältnis zwischen Katie und ihrer Chefin Demeter, die insbesondere am Anfang gar nicht gut wegkommt. Die beiden sind zwei völlig unterschiedliche Typen und die Sympathien der Leser*innen scheinen am Anfang direkt verteilt: Das nette Mädchen vom Land will in die große Stadt ziehen und gibt dabei einen Teil ihrer Identität auf (Sprache, Haare, Spitzname). Da wartet man ja förmlich darauf, wann sie erkennen wird, dass sie sich selbst „treu bleiben muss“ und dann „zu ihren Wurzeln zurück kehrt“. Das passiert auch zum Teil, aber nicht so wie ich dachte: Demeter, die perfekt gestylte, tyrannische Chefin, ist nämlich doch gar nicht so böse wie gedacht. Katie erfährt nicht nur, dass Demeters Leben gar nicht so perfekt ist, sondern die beiden entdecken irgendwann sogar Gemeinsamkeiten.

Und ja, irgendwie sollte es selbstverständlich sein, auch Anthagonistinnen als Menschen darzustellen, aber genau das tut ChickLit nicht oft. Deswegen rechne ich es Sophie Kinsella hoch an, dass sie sich hier entschieden hat, die beiden unterschiedlichen Frauen zusammenarbeiten zu lassen. Viel zu oft werden in Literatur und Filmen Frauen immer noch gegeneinander ausgespielt, weil sie unterschiedlich sind, z.B. nach dem Schema „natürlich vs. künstlich“. Kleiner Wehrmutstropfen: Die beiden machen das erst, nachdem eines der zentralen Probleme zwischen ihnen, nämlich das Interesse am selbem Mann, geklärt wurde. Na ja, wir haben einfach noch viel vor in dem Genre.

Mein Freund, der Klappentext

Falls Ihr jetzt denkt, damit habe ich euch ja schon das halbe Buch gespoilert, möchte ich mich entschuldigen. Und euch außerdem einen guten Rat mitgeben: Lest nicht den Klappentext! Generell nicht, aber besonders nicht bei diesem Buch. Es wird darin wortwörtlich über die Hälfte des Romans verraten.

Hier seht ihr die Stelle, an dem man die letzte Information erfährt, die im Klappentext verraten wird: Es ist auf Seite 317 von 544. Ich weiß, es ist ein Liebesroman und kein Politthriller. Solange hier Genreerwartungen erfüllt werden, rechne ich auch mit einem Happy End und (leider) wird oft auch kein Klischee ausgelassen. „Frag nicht nach Sonnenschein“ macht dabei zwar einige Ausnahmen, wie bereits oben beschrieben, aber der Roman revolutioniert das Genre auch nicht völlig. Übrigens muss ich mich auch noch einmal über den Titel auslassen. Auf Englisch heißt das Buch „My not so perfect life“ und das trifft es meiner Meinung nach viel besser. Warum konnte man diesen Namen nicht 1:1 übersetzen?

Nicht nur Sonnenschein, aber auch kein Regenguss

Andererseits: Wenn es um eine Bewertung des Buches geht, trifft der Titel es dann doch wieder ganz gut. Es ist ChickLit, also frage ich (aus meiner heutigen Perspektive) gar nicht erst nach dem Sonnenschein. Der würde für mich nämlich bedeuten, dass es vielleicht doch nicht immer den Love Interest zum Happy End braucht, sondern dass die gewonne Freunschaft mit einer anderen Frau schon ausreicht. Oder dass die Protagonistin nicht jedes Mal weiß, cis-hetero und herzensgut ist. Wirklich, ich verstehe, dass das für viele Menschen unabhängig davon richtige Feel-Good-Geschichten sind und Ihr euch das von mir auch nicht mies reden lassen wollt. In dem Fall: Go for it! „Frag nicht nach Sonnenschein“ ist ein schöner Vertreter des Genres mit vielen witzigen Szenen (manchmal ein bisschen überdreht) und hat mich gut unterhalten.

Und für alle, denen die feministische Perspektive wichtig ist: Das Buch macht schon einiges richtig, aber es könnte noch viel mehr sein. Am Ende habe ich gedacht, wie gerne ich die Geschichte aus Demeters Perspektive gelesen hätte. Es juckt mich ein bisschen in den Fingern, so einen Roman selber zu schreiben. Aber ich weiß nicht, ob das was wird, also wenn ihr Tipps für feministische ChickLit habt, immer her damit!

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