Kazuo Ishiguro: Alles, was wir geben mussten

Wenn ihr wissen möchtet, warum Kazuo Ishiguro den Literaturnobelpreis wahrhaft verdient hat, so lest die Rezension zu „Alles, was wir geben mussten“. Ein wahres Meisterwerk!

Alles, was wir geben mussten vom Literaturnobelpreisträger Kazuo IshiguroTitel: Alles, was wir geben mussten

Autor: Kazuo Ishiguro

Genre: Drama

Verlag: Heyne Verlag

Seitenzahl der Printausgabe: 352 Seiten

Erscheinungsdatum: 2005

 

Kathy H. steht an einem Scheideweg ihres Lebens. Sie blickt zurück auf ihre Schulzeit im Elite-Internat Hailsham, ihre Freundschaft mit den Kollegiaten Tommy und Ruth und die Zeit danach. Was zunächst wie eine behütete Kindheit im idyllischen England wirkt, bekommt zunehmend Risse. Warum spricht Kathy von Aufsehern statt Lehrern? Und was ist der eigentlich Zweck des Internats?

Nachdem Kazuo Ishiguro im letzten Jahr den Literaturnobelpreis erhalten hat, war ich neugierig auf ein Buch von ihm. Bisher ist er an mir vorbeigegangen und auch die Verfilmungen seiner Werke habe ich nie gesehen. „Alles, was wir geben mussten“ klang spannend und so habe ich mich dafür entschieden, ohne weitere Angaben darüber zu lesen. Ich wollte meine Meinung nicht beeinflussen und mir auch die Spannung nicht nehmen lassen. Also bin ich ganz unbedarft an die Lektüre gegangen.

Meisterwerk vom Literaturnobelpreisträger

Um es direkt vorweg zu nehmen: Wow! Hammer! Mega! Ich könnte hier noch ewig mit Superlativen weitermachen. Ich habe in den letzten Jahren wirklich viele gute Bücher gelesen: spannende, ergreifende, lustige, traurige – einfach schöne Bücher. Aber dieses hier ist so viel mehr. Selten ist mir eine Rezension so schwer gefallen! Ich habe einfach das Gefühl, als könne ich mit meinen (einfachen) Worten dem Werk von Kazuo Ishiguro gar nicht gerecht werden. Dieses Buch hat mich in gewisser Weise sprachlos gemacht. Die Schwedische Akademie würdigte Ishiguro bei der Vergabe des Nobelpreises als einen Schriftsteller „der in Romanen von starker emotionaler Wirkung den Abgrund in unserer vermeintlichen Verbundenheit mit der Welt aufgedeckt hat“. Und das trifft es ziemlich gut!

Aber kommen wir erst einmal zum Inhalt. Kathy H. steht am Scheideweg ihres Lebens, dem Übergang vom „Betreuer“ zum „Spender“. Mit ihrem Rückblick leistet sie eine Art Aufarbeitung, an der wir teilhaben. Schon hier ahnt der Leser, dass es sich nicht um ein normales Internat handelt, in dem sie aufgewachsen ist. Spätestens, wenn statt „Lehrern“ von „Aufsehern“ die Rede ist, läuft einem ein Schauder über den Rücken. Da die Handlung jedoch aus Kathys Sicht in der Ich-Perspektive erzählt wird, erfahren wir nur häppchenweise die Wahrheit hinter der Fassade von Hailsham. Auch gibt es immer wieder Sprünge in Kathys Erzählung, so dass sich das gesamte Bild erst gegen Ende des Buches offenbart – dann aber mit seiner ganzen Grausamkeit.

Ich denke, ich spoilere nicht, und ihr ahnt es sicher schon: Hailsham ist sozusagen ein Organersatzteillager. Die Kollegiaten sind allesamt Klone, gezüchtet, damit die „echten“ Menschen länger leben können. Sie erfahren ihre wahre Bestimmung im Laufe der Zeit, ohne sie wirklich zu begreifen. Der Leser fragt sich, warum sie jedoch zur Kreativität angehalten werden: Zeichnen, Dichten, Malen sind sehr geschätzte Fähigkeiten in Hailsham. Auch dieses Geheimnis wird gegen Ende des Buches gelüftet und ist lediglich der Versuch einer kleinen Gruppe, den Menschen die Seele der Klone zu zeigen.

Die Würde des Menschen…

Seele, Menschlichkeit, Emotion – wenn man Kathys Schilderungen verfolgt, hat man keinen Zweifel daran. Ihre Erzählung ist berührend, herzergreifend und erschütternd, ohne sentimental zu sein. Ishiguro hat es fertig gebracht, auf eine leise Art eine meisterhafte Geschichte zu erzählen, die noch lange nachhallt. Dieses Buch wird niemanden so schnell loslassen. Man fragt sich, wer hier keine Seele hat – und kennt die Antwort: Es sind die Menschen, die diesen Geschöpfen ihre Menschlichkeit absprechen. Diese Abbilder sollen existieren, aber die Gesellschaft will so wenig wie möglich von ihnen wissen. Der Gipfel dieser Ignoranz ist es, dass die Klone einige Jahre als Betreuer arbeiten müssen, bevor sie selbst zu Organspendern werden. Sie erleben also bereits vorab das Schicksal, dass ihnen zugeteilt ist, bevor sie selbst „abschließen“ , wie sie ihre Existenz nach der letzten Spende nennen, wenn sie in der Bewusstlosigkeit lediglich zu weiteren Entnahmen am Leben erhalten werden. Grausamkeit und Unmenschlichkeit par excellence.

Und doch ist dies kein Buch des Widerstandes. Kathy nimmt ihr Schicksal hin, auch als sie ihre Freunde durch die Spenden verliert. Lediglich am Ende zeigt sie ein (winziges) Aufbegehren, bevor auch sie ihren weiteren Weg still und leise akzeptiert.

Ishiguro – ein Meister der leisen Töne

Was macht dieses Buch denn nun so besonders? Die Spannung ist vorhanden, ist aber nicht die Hauptsache. Der ethische Aspekt spielt natürlich eine Rolle, aber auch er macht nicht das Werk aus. Es ist kein erhobener Zeigefinger vorhanden: „Lasst alle Gen-Experiemente!“ Nein, eher ist es ein Appell an die Würde des Menschen in jeglicher Form.
Aber auch sprachlich weiß Ishiguro zu begeistern. Sein Umgang mit den besonderen Begriffen, die die Kollegiaten für viele Dinge verwenden, ist bemerkenswert. Diese Ausdrücke sind so anders, so seltsam, dass man als Leser das Furchtbare dahinter ahnt. Kazuo Ishiguro ist ein Meister der leisen Töne, die lange nachhallen und uns nicht schlafen lassen. Sollte so unsere Zukunft aussehen? Wollen wir sie dann überhaupt noch? Das sind Fragen, die man sich nach der Lektüre von „Alles, was wir geben müssten“ unweigerlich stellen wird.

Fazit: Dieses Buch ist einfach – anders! Lest es selbst und das unbedingt!

 

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