Astrid Lindgren. Ihr Leben – Biografie von Jens Andersen

Wer kennt sie nicht, die Autorin von Pippi Langstrumpf? Aber was hat dazu geführt, dass Astrid Lindgren die Kinderbuchliteratur derart revolutionierte? Jens Andersen geht in seiner ausführlichen Biografie diesem Phänomen auf den Grund – und zeigt uns eine Frau, die viele Höhen und Tiefen durchlebt hat. Tipp nicht nur für Pippi-Fans!

Astrid Lindgren. Ihr Leben. Biografie von Jens AndersenTitel: Astrid Lindgren. Ihr Leben

Autor: Jens Andersen

Genre: Biografie

Verlag: DVA (gebunden)/Pantheon (Taschenbuch)

Seitenzahl der Printausgabe: 448 Seiten

Erscheinungsdatum: 28. September 2015

 

Der März stand bei unserer Challenge „Reise durch die Genres“ unter dem Thema Biografie. Auf der Suche nach einer Persönlichkeit, deren Leben mich interessiert, bin ich auf das bereits vor drei Jahren erschienen Buch von Jens Andersen gestoßen. Astrid Lindgren – eine beeindruckende Frau, deren Leben Höhen und Tiefen aufweist, dazu noch eine Schriftstellerin, die ein ganzes Genre verändert hat – das klang spannend!

Literarisch anspruchsvolle Biografie

Die Biografie von Jens Andersen, dänischer Journalist und Literaturwissenschaftler, ist anspruchsvoll, informativ und sehr ausführlich, leider dadurch stellenweise auch etwas langatmig. Er versucht, den Einfluss von persönlichen und gesellschaftlichen Ereignissen in Astrid Lindgrens Leben auf ihre Werke aufzuzeigen, was ihm auch gut gelingt. Ob ich dabei als Leser auch erfahren muss, was mit diversen Personen, die lediglich nur eine kurze Zeit eine recht geringe Rolle in Lindgrens Leben spielten, in den nächsten zehn oder zwanzig Jahren ihres Lebens geschehen ist, bleibt dahingestellt. Etwas Straffung und Struktur hätte dem Werk durchaus gut getan, so erschweren auch einige Zeitsprünge das Lesen. Aufgelockert wird der Inhalt durch die zahlreichen Fotografien, die viele Details illustrieren, erklären und auch zu manchem Schmunzeln verleiten, wie die Aufnahme von Astrid Lindgren im hohen Alter, als sie aus Spaß mit einer Freundin auf einen Baum klettert.

…inklusive Textanalysen

Interessant sind über die eigentlich Lebensgeschichte hinaus auch die Textanalysen, die der Literaturwissenschaftler Jens Andersen liefert (wenn auch wieder etwas ausschweifend). Zusammenhänge zwischen persönlichen Schicksalsschlägen oder gesellschaftlichen Ereignissen werden gut hergestellt und zeigen deutlich, dass ein Schriftsteller nicht einfach im luftleeren Raum schreibt.

Astrid Lindgrens bewegtes Leben

Die Biografie lebt natürlich von dem bewegten und interessanten Leben Astrid Lindgrens (1907-2002). Verläuft ihre Kindheit noch recht normal, so wird sie bereits mit 18 Jahren nach einer Affäre ungewollt schwanger – und das vor über 90 Jahren. Sie entschließt sich dazu, den Vater des Kindes nicht zu heiraten. Sie hatte bereits damals das Gefühl, er würde sie in ihrer Freiheit einschränken und dominieren. Stattdessen entschließt sie sich dazu, ihren Sohn anonym in Dänemark zur Welt zu bringen und ihn die ersten drei Lebensjahre dort bei einer Pflegemutter aufwachsen zu lassen. Ein Fehler, wie sie später erkennt, doch daraus entsteht ihre Überzeugung, wie wichtig die ersten fünf bis zehn Jahre im Leben eines Kindes sind. Neben den gesellschaftlichten Veränderungen im damaligen Schweden hat auch die Gewalt im zweiten Weltkrieg einen maßgeblichen Einfluss auf Astrid Lindgrens Sichtweise der Welt. Doch auch weitere persönliche Belastungen hat sie zu verkraften. So führt etwa eine Affäre ihres Mannes  zu einer Ehekrise und unter seiner Alkoholsucht leidet die ganze Familie bis zu seinem frühen Tod.

Ihr Leben lang hat Astrid Lindgren bedauert, ihren Sohn drei Jahre bei einer Pflegemutter aufwachsen lassen zu müssen, so viel Mutterersatz diese ihm auch geboten haben mag. Vielleicht ist dadurch ihre enge Bindung an Kinder zu erklären, ihre Motivation, an deren Spiel teilzuhaben und nicht nur von außen die Aufsicht zu führen, wie damals üblich. Auf jeden Fall hat Astrid Lindgren immer die Bedeutung der ersten fünf bis zehn Lebensjahre eines Kindes betont sowie den respektvollen Umgang zwischen Kindern und Erwachsenen, geprägt von Vertrauen. Sie sprach sich immer für eine gewaltfreie Erziehung aus. Nach ihrem Erfolgsrezept gefragt, antwortete sie einmal:

„Keine langen und verwickelten Sätze, keine theoretischen Argumentationen, keine unverständlichen Worte, kein versteckter moralischer Zeigefinger.“

Pippi-Fieber in Schweden – und der ganzen Welt

Auch wenn Astrid Lindgren bereits früh eine unkonventionelle Art zu schreiben und ein Sprachtalent bescheinigt wurden, so zeigt Jens Andersen doch auf, wie ihre persönlichen Erfahrungen ihre Bücher beeinflusst haben. Besonders interessant ist dabei natürlich die Entstehung von „Pippi Langstrumpf“, Lindgrens erstem großen Erfolg, der zu einer komotenhaften Karriere als Schriftstellerin führte. Aber Andersen macht auch deutlich, dass an diesem Erfolg mehrere Menschen beteiligt waren: Lektorin, Illustratorin und literarischer Agent machten das Phänomen „Astrid Lindgren“ erst möglich. Dabei musste sie durchaus auch Kritik einstecken. So bezeichnete der schwedische Professor John Landquist ihr Werk als „schlecht und preisgekrönt“ und Pippi als „geistesgestört“. Auch Flops hatte Lindgren zu verzeichnen, nicht alles wurde zum Bestseller. Bei der Fülle ihrer Publikationen gingen diese jedoch unter. Eine schöne Übersicht über die deutschen Ausgaben inklusive der (alten) Cover findet sich im Anhang der Biografie.

Revolution der Kinderliteratur

Aber was zeichnet Lindgrens Figuren und Werke nun eigentlich aus? Was hat zu diesem immensen und literaturverändernden Erfolg geführt? Bei allem darf man nicht heutige Maßstäbe anlegen, schließlich erschien Pippi Langstrumpf bereits 1945 in Schweden. Astrid Lindgren schrieb „von innen heraus“, sie konnte in die Welt der Kinder eintauchen. Dabei waren ihre Figuren einfache glückliche Kinder. Viele waren Einzelgänger, hatten kein oder nur ein Elternteil, erlitten Unglück und Kummer. Trotzdem – oder gerade deshalb – waren sie starke und fröhliche Wesen, die sich behaupten konnten und das gewaltfrei. Auch hat Astrid Lindgren bei „Wir Kinder aus Bullerbü“ insofern Neuland betreten, als sie das Buch aus der Ich-Perspektive der kleinen Lisa erzählen ließ, was ebenfalls zu einem tieferen Eintauchen in die Welt der Hauptfiguren beitrug.

Neben Lindgrens stetem Einsatz für Gewaltfreiheit, Kinder- und Tierrechte hat sie immer die Bedeutung des Lesens für die Demokratien auf der Welt betont. Bevor ich noch weiter ins Schwärmen über diese starke Frau gerate, möchte ich mit einem Zitat von ihr zum Thema Kindererziehung schließen:

„Lass die Kinder in Ruhe, aber sei in Reichweite, wenn sie dich brauchen.“

Fazit: Tolle Frau, interessantes Leben und Werk, gute Biografie zum Thema. Wer sich dafür interessiert, was hinter dem „Pippi-Phänomen“ steht, wird hier alle Informationen darüber finden.

Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar von der RandomHouse-Verlagsgruppe zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür!
Ihr könnt die Biografie als gebundene Ausgabe, Paperback oder Ebook z. B. hier bei Thalia kaufen.

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